Die seltsamen Methoden der LVZ

Seit vergangenem Freitag geistert in diversen Medienberichten die Behauptung herum, das NPD Büro in Lindenau sei in der Nacht vom 4. auf den 5.12.08 von wahlweise 40 oder 60 „Linksextremen“ angegriffen worden. Diese Meldungen, die sich so oder in abgewandelter Form in der Onlineausgabe der Sächsischen Zeitung, der Leipziger Internet Zeitung und dem Neuen Deutschland1 finden ließen, basieren auf Meldungen der Leipziger Volkszeitung (LVZ) welche sich wiederum auf die Polizei bezieht. Diese hatte die Meldung in Form einer Pressemitteilung in Umlauf gebracht.

Dass Pressemeldungen sich in dieser Form verbreiten ist an sich nichts ungewöhnliches, in diesem Falle aber höchst unangenehm: Die Behauptung, das NPD Büro sei Ziel von Angriffen gewesen ist nämlich schlichtweg falsch. Vielmehr hatten sich rund 60 Personen, darunter der Chor eines Leipziger Wohn- und Kulturprojektes, vor dem Büro in der Odermannstraße gesammelt um dort eine öffentliche Chorprobe mit antifaschistischen Liedern abzuhalten. Von Gewalt kann inur insofern die Rede sein, als dass Nazis, die sich hinter dem Zaun des NPD Gebäudes befanden, die anwesenden KünstlerInnen und Protestierenden mit Feuerwerkskörpern bewarfen.2 3

Die nach den Chorproben ankommende Polizei setzte die 60 Protestierenden daraufhin in einem Polizeikessel fest und behandelte alle Erkennungsdienstlich. Die Nazis stellten zudem wohl Anzeige, wodurch sich auch die Äußerungen der Polizei über einen „Angriff“ erklären ließen. So weiß Leipzig-Seiten.de zu berichten:

Ein Polizeisprecher erklärte am Freitag, dass lediglich Strafanzeigen von Seiten der NPD gestellt wurden. Die Personen haben daraufhin Platzverweise erhalten. Die Polizei könne nur den Hinweisen nachgehen die auch zur Anzeige gebracht wurden. Welche Darstellung nun die richtige ist, werden nun die weiteren Ermittlungen der Polizei ergeben 4

Die LVZ hat dann, vermutlich nach einigen empörten LeserInnenbriefen und einem Anruf eines Beteiligten zumindest ihren Artikel in der Onlineausgabe um folgendes ergänzt:

Ein Augenzeuge will den Abend in Lindenau anders erlebt haben, als ihn die Beamten darstellen. Eine Chorgruppe habe sich spontan entschieden, eine Probe vor das NPD-Zentrum zu verlegen und drei Lieder zu singen, so die Version des Studenten aus der linken Szene. Aus Angst vor Übergriffen von Neonazis will er anonym bleiben (Name ist der Redaktion bekannt).

Weder sei die Gruppe vermummt gewesen, noch habe sie Steine oder Feuerwerkskörper geworfen. Während ihrer Gesangseinlage, so der Beobachter, seien zwei Böller von der Büroseite aus auf die Straße geflogen. Noch vor Eintreffen der Polizei habe sich der Chor wieder auf den Heimweg gemacht. Erst später seien die Musikfreunde von den Beamten kontrolliert worden.

Diese Ergänzungen freilich werden durch Formulierungen im Konjunktiv einseitig als Behauptungen dargestellt, wohingegen die Berichte der Polizei im Indikativ stehen. In gewohnter LVZ-Manier hielt es die Redaktion selbstverständlich auch nicht für nötig, auf die diversen Veränderungen in ein und demselben Artikel hinzuweisen. Und auch die im Artikel von Leipzig-Seiten.de erwähnten Äußerungen der Polizei, dass es zu diesem Zeitpunkt für die Polizei nicht klar ist, welche Version des Abends stimmt, lassen sich in der LVZ nicht finden.5 Auch die Polizei hat sich dahingehend noch nicht mit einer Pressemitteilung korrigiert.

In der Onlineausgabe der LVZ wusste der Redakteur am 5.12.08 außerdem folgendendes zu berichten:

Das NPD-Büro war bereits Ende November
mehrfach Ziel von Angreifern aus der linken Szene.
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Auf welche „Angriffe“ sich das beziehen soll, ist allerdings vollkommen unklar. Fakt ist, dass bereits am Tag der Eröffnung des NPD Büros (15.11.08) eine Spontandemonstration mit anschließender Kundgebung stattgefunden hat.7 Angriffe haben aber nicht stattgefunden.8 Eine weitere Spontandemonstration fand am 25.11.08 statt, aber auch da weiss die Polizei nichts von Angriffen zu berichten9 – im Gegensatz zum NPD Abgeordneten Winfried Petzold, welcher in einer Pressemitteilung „schwerste linksextremistische Krawalle“ herbeifabuliert.10
Zwei weitere Kundgebungen auf dem Lindenauer Markt am 29.11.08 und am 5.12.08 gegen das NPD Büro blieben ebenfalls friedlich. 11 12
Auch vereinzelte kleinere Proteste gegen die NPD von vereinzelten AkteurInnen, wie ein Graffito am Zaun des Nazizentrums können nicht ernsthaft als „Angriff“ bezeichnet werden. Woher die LVZ also die Behauptung nimmt, es hätte mehrere Angriffe gegeben, bleibt völlig unklar.

Bereits in der Vergangenheit war die LVZ in die Kritik geraten. So beispielsweise als eine Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer der Pogrome am 9. November 1938, die von zahlreichen Stadträten, Initiativen und dem OBM unterstützt wurde, mit der Behauptung diskreditiert werden sollte, es seien „maßgeblich Kommunisten beteiligt“.13 Und auch im Zuge der Berichterstattung um den sogenannten „Disko Krieg“ stand die LVZ aufgrund ihrer ausländerfeindlichen Berichterstattung in der Kritik.14
Dass die LVZ jetzt auch noch durch eine falsche und verantwortungslose Berichterstattung so offen den Nazis in die Hände spielt ist jedoch ein neuer Höhepunkt.

  1. Neues Deutschland vom 6.12.2008, basierend auf einer dpa Meldung [zurück]
  2. http://ladenschluss.blogsport.de/2008/12/05/friedliche-kunstaktion-am-npd-buergerbuero-durch-polizei-und-presse-diskreditiert/ [zurück]
  3. http://leipzig-seiten.de/index.php?option=com_content&task=view&id=5279&Itemid=42 [zurück]
  4. http://leipzig-seiten.de/index.php?option=com_content&task=view&id=5279&Itemid=42 [zurück]
  5. Siehe dazu auch die LVZ Printausgabe vom 6.12.08. Immerhin heißt es dort: „Bereits in der Nacht zum Freitag hatten rund 60 Personen aus der linken Szene gegen das NPD-Quartier protestiert. Während die Polizei meldete, dass vermummte Personen das Gebäude mit Steinen und Böllern beworfen hätten, sprachen die Beteiligten von musikalischen Beiträgen und einer „künstlerischen Absage“ [zurück]
  6. Artikel: „Angriff auf NPD-Büro in Lindenau – Kundgebung am Abend“, LVZ-Online, 05.12.2008, 13:07 Uhr [zurück]
  7. http://de.indymedia.org/2008/11/232873.shtml [zurück]
  8. Das können wir als Gruppe bestätigen. Ansonsten können auch die Pressemitteilungen der Polizei zu Rate gezogen werden: http://www.polizei.sachsen.de/pd_leipzig/3769.htm [zurück]
  9. http://www.polizei.sachsen.de/pd_leipzig/4279.htm [zurück]
  10. vgl. http://www.npd-leipzig.net/?p=268 [zurück]
  11. http://www.polizei.sachsen.de/pd_leipzig/4284.htm [zurück]
  12. http://www.polizei.sachsen.de/pd_leipzig/4295.htm [zurück]
  13. LVZ vom 6.11.08, Artikel „Rote Hilfe unerwünscht“ [zurück]
  14. http://www.adb-sachsen.de/media/documents/1225378025.pdf?PHPSESSID=j663ja833fbj4rq1ph20g1qr41 [zurück]