Grünau wird bunt!

Der Leipziger Stadtrat gab in seiner Sitzung am 25.2.2009 die Räumlichkeiten des ehemaligen Jugendtreffs „Olympic“ in die Hände des Vereins „Bunte Platte“. Das lange währende Ringen um ein selbstverwaltetes Zentrum für demokratische, alternative Kultur hat eine erste wichtige Hürde genommen

Das Plattenbauviertel Grünau galt Ende der 90er Jahre als Leipzigs Schwerpunktaktionsgebiet von Nazis. Die Jugendclubs im Stadtteil – allen voran das „Kirschberghaus“ – waren rechts dominiert. Nicht-rechte Jugendliche und Nicht-Deutsche waren zunehmend Bedrohungen und Übergriffen ausgesetzt.

In dem vom „Jugendbildungsverein“ betriebenen „Kirschberghaus“ wurde „akzeptierende Jugendsozialarbeit“ praktiziert – die SozialarbeiterInnen hörten und schauten weg, wenn in den Bandproberäumen Hetztiraden gesungen wurden und wenn „ihre Jungs und Mädels“ rassistische Sprüche klopften. Nachdem antifaschistische Strukturen, kritische SozialarbeiterInnen und PDS- und Grünen-Politiker das offensichtliche Naziproblem öffentlich skandalisiert hatten und die rechte Gewalt parallel zur medialen Aufmerksamkeit wuchs, wurde dem „Jugendbildungsverein“ die Trägerschaft des „Kirschberghauses“ im März 1999 entzogen. Die Stadt reagierte mit der Einrichtung einer Fachstelle für jugendpolitische Sonderaufgaben und Extremismus und einem Maßnahmekatalog zur Eindämmung politischer Jugendgewalt.

2000 wurde das Kirschberghaus in die Hände des „Kinder- und Jugendtreff e.V.“ gelegt. An einer politischen Auseinandersetzung mit dem Problem rechter Denk- und Handlungsweisen war dieser Träger nicht wirklich interessiert, stattdessen wurde über die Verdrängung von „linken und rechten Extremisten“ schwadroniert und auf niedrigschwellige Jugendbespaßungsangebote abgestellt.

Die jungen antifaschistischen GrünauerInnen, die einen großen Anteil an der Öffentlichmachung des Naziproblems hatten, blieben unberücksichtigt. Zahlreiche Besuche bei den politischen Verantwortlichen der Stadt, eine Demonstration und ein Straßenfest konnten kein Verständnis für ihr berechtigtes Anliegen wecken. Sie vertraten die berechtigte Auffassung, dass eigene, selbstverwaltete Räume das beste Rezept für den Aufbau einer humanistischen, bunten Kultur – gegen beschränkte rechte Ideologien und den schweigenden Rest sind.
Eine trügerische Ruhe zog in das Plattenbauviertel ein. Alternative Menschen zogen weg, Nazis gehörten unterschwellig weiter ins Stadtteilbild und –klima.

Der Verein „Bunte Platte“ wurde im Jahr 1999 gegründet, um im erwähnten Kirschberghaus ein neues Konzept von Jugendsozialarbeit zu erproben, nämlich mittels Förderung von demokratischen, antirassistischen und antifaschistischen Denk- und Verhaltensmuster insbesondere durch „offene Kinder- und Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, Sportveranstaltungen, erlebnispädagogische Projekte, Bildungsarbeit, allgemeine kulturelle Veranstaltungen, Gesprächsrunden zu aktuellen Problemen“ (siehe Vereinssatzung). Die Bewerbung um die Trägerschaft des Kirschberghauses scheiterte allerdings, so dass der Verein in der Folge bis zum Jahr 2007 auf Eis lag.
Zu diesem Zeitpunkt fügten sich die Dinge: eine neue Generation von engagierten, alternativen Jugendlichen, die sogar über ein eigenes Domizil am Kulkwitzer See verfügten, übernahm den Verein. Kurz vor der geplanten Übergabe des kleinen Gebäudes am Kulkwitzer See in die Hände der „Bunten Platte“ allerdings kündigte die Verwalterin, die Leipziger See GmbH, die Räume. Motivation dafür waren die gewachsenen Einschüchterungs- und Gewaltaktionen durch Nazis gegen das Gebäude und deren NutzerInnen. Die See GmbH verdrehte also die Schuldfrage und machte die Opfer rechter Bedrohung zu TäterInnen, die die Störung der öffentliche Ruhe und Ordnung auf dem Gewissen haben.

Seit November 2007 waren die jungen Leute also wiederum ohne eigene Räumlichkeiten. Doch die „Bunte Platte“ gab nicht auf: mit einer Demonstration im April 2008, dem Antirassistischen Fußballturnier im August 2008 und zahlreichen Gesprächen mit VertreterInnen des Jugend- und Stadterneuerungs-Amtes sowie von Vereinen oder Parteien wurde Druck gemacht.
Im November 2008 bekam die „Bunte Platte“ den mit 15.000 Euro dotierten Sächsischen Förderpreis für Demokratie. Geld, das nun in die Mietzahlungen für das neue AJZ in der Grünauer Pfaffensteinstraße fließen soll.

Eines steht für die „Bunte Platte“ fest: alternative Freiräume können nur ohne Nazis, ohne rassistische, nationalistische und sexistische Sprüche und auch ohne bevormundende BetreuerInnen funktionieren.

Es bleibt noch einiges zu tun, um das Alternative Jugendzentrum in Grünau mit Leben zu füllen und vor allem zu schützen. Es darf nicht vergessen werden, dass Grünau weiterhin Schwerpunkt von Naziaktivitäten ist. Rechte Propaganda sowie Bedrohung und tätliche Gewalt insbesondere gegen alternative Jugendliche gehören hier zum Alltag.

Link: Bunte Blatte e.V.