Zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 bieten wir die 5-teilige Veranstaltungsreihe „Quatsch mit rot-brauner Soße?!“ an, welche sich kritisch mit Historie und Gegenwart von Querfronterscheinungen auseinandersetzt.

Hier die einzelnen Veranstaltungen in Kurzform, weiter unten mit Ankündigungstexten:

  • 16.12.15 Mittwoch 19:00 Uhr – Interim / Demmeringstr. 34:
    Nationalbolschewismus in Russland
  • 12.01.16 Dienstag 19:00 Uhr – linXXnet / Bornaische Str. 3d:
    Der Untergrund – subkulturelle Wurzeln radikaler
    Theorie und Praxis ab 1900
  • 20.01.16 Mittwoch 19:00 Uhr – Interim / Demmeringstr. 34:
    „Linke Leute von Rechts?“ – Nationalrevolutionäre
    in der Bundesrepublik
  • 27.01.16 Mittwoch 19:00 Uhr – linXXnet / Bornaische Str. 3d:
    Warum die „aktuelle Querfront“ keine Querfront,
    sondern einfach nur rechts ist
  • 03.02.16 Mittwoch 19:00 Uhr – linXXnet / Bornaische Str. 3d:
    Rot-braune Bündnisse? Zum Verhältnis von Kommunisten
    und Nationalsozialisten in der Weimarer Republik

Langfassung:

16.12.15 Mittwoch 19:00 Uhr – Interim / Demmeringstr. 34
Nationalbolschewismus in Russland

Nationalbolschewistische Ansätze sind in den 1920er und 1930er Jahren vielerorts zum Beispiel im Umfeld der KPD und der NSDAP oder in Kreisen russischer Emigranten aus der Sowjetunion entstanden. Nicht zuletzt lassen sich nationalbolschewistische Positionen in der Ideologie der VKP(B)/KPdSU(B) der späteren Stalin-Zeit rekonstruieren. Eine Neuerfindung des Nationalbolschewismus fand aber in den 1990 Jahren im gesamten postsowjetischen Raum statt. 1993 gründete der Schriftsteller Eduard Limonow und der heutige „Kreml-Berater“ Alexander Dugin die National-Bolschewistische-Partei NBP. Sie bildete den Kern einer keineswegs unbedeutenden und komplex nach „rechts und links“ vernetzten Strömung innerhalb des politischen Diskurses und des politisierten Jugendaktivismus Russlands. Sie lässt sich schwerer politisch und ideologisch einordnen, als auf den ersten Blick zu vermuten ist. Heute bildet die Mehrheit der ehemaligen NBP den Kern der nicht registrierten Partei „Anderes Russland“.
Der Vortrag stellt sich der schwierigen Aufgabe eine postsowjetische, im Ursprung militant faschistoide in ihrer Form häufig „ästhetisierende“ und in der Kontinuität sozial-nationalistische Bewegung darzustellen, die mehr als nur einen politischen Richtungswechsel vollzogen hat.

mit: Boris Krumnow (Leipzig). Politischer Bildner und stellvertretender Vorsitzender der RLS Sachsen. Als Religionswissenschaftler beschäftigt er sich mit reaktionären politischen und religiösen Bewegungen im postsowjetischen Russland.

12.01.16 Dienstag 19:00 Uhr – linXXnet / Bornaische Str. 3d
Der Untergrund – subkulturelle Wurzeln radikaler Theorie und Praxis ab 1900

Wenn heutzutage von Rechtsradikalen Landkommunen gegründet werden, Linke gemeinsam mit Verschwörungstheoretikern für den Weltfrieden und gegen TTIP demonstrieren oder Nazis eine vegane Kochshow auf youtube präsentieren, herrscht zuweilen Irritation. Dringen hier „Rechte“ in „Linke“ Lebenswelten ein oder steckt dahinter gar eine gezielte neue „Querfrontstrategie“? Warum gelingt es mitunter scheinbar mühelos eine Verbindung zwischen zwei eigentlich völlig gegensätzlichen politischen Welten herzustellen? Antworten auf solche Fragen kann ein Blick in die Vergangenheit liefern. Er führt zurück zu den Wurzeln einer Szene, welche mit heutigen Begriffen als „alternativ“, „subkulturell“, „underground“ oder einfach als Bohème bezeichnet werden kann, zu einer Gegenkultur gegen den gesellschaftlichen Mainstream, die sich in ihrer Ablehnung der modernen Gesellschaft einig war und nach neuen, revolutionären Wegen zur Befreiung des Menschen suchte. Sie vereinte Künstler*innen, Intellektuelle, Philosoph*innen, Dichter*innen, Schriftsteller*innen, christliche Sozialist*innen, ökologische Anarchist*innen, Rassist*innen, Antisemiten, Jüd*innen, Feminist*innen, Esoteriker*innen, Lebensreformer*innen und Pädagog*innen. Sie hinterließen ein Erbe, welches bis heute wirksam ist.

mit: Patrick Pritscha (Chemnitz), Kulturwissenschaftler und Historiker.

20.01.16 Mittwoch 19:00 Uhr – Interim / Demmeringstr. 34
„Linke Leute von Rechts?“ – Nationalrevolutionäre in der Bundesrepublik

„‘68“ fand in der Bundesrepublik nicht nur links statt: Auch im rechtsextremen Lager, das mit der NPD gerade erst einen Kristallisationspunkt gefunden hatte, stellten junge Aktivisten die Werte ihrer politi­schen Väter in Frage und agierten ihren Generationskonflikt stark inspiriert von ihren revoltierenden Altersgenossen aus. „Von der Linken lernen“ wollten die „Nationalrevolutionäre“, die in ih­rem Eifer, eine wissenschaftlich unterfütterte und zeitgemäße, aber „rechte“ Revolutionstheorie zu erschaffen, auf vielen Ebenen nur schwer von ihren linken Rivalen zu unterscheiden waren. Mit diesen, so das Fernziel, wollte man sich für die Revolution gegen Kapitalismus, Kommunismus, Establishment, alte Linke und alte Rechte verbünden.
Obwohl diese „linken Leute von Rechts“, so eine Eigenbezeichnung, nur eine Randerscheinung der po­litisch unübersichtlichen ’70er Jahre waren, stellen sie mit der Verbindung von linkem Erscheinungs­bild, Sprache, Aktionsformen und Selbstverständnis mit rechten Ideologiefragmenten ein gutes Bei­spiel für die Probleme einer zu einfachen Definition von politischen Polen dar. Wie trennscharf Zuord­nungen zu „links“ und „rechts“ eigentlich sein können, soll der Vortrag zu ergründen versuchen.

mit: Benedikt Sepp, Doktorand am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Univer­sität Konstanz und forscht dort zur Theorie der 68er-Bewegung.

27.01.16 Mittwoch 19:00 Uhr – linXXnet / Bornaische Str. 3d
Warum die „aktuelle Querfront“ keine Querfront, sondern einfach nur rechts ist

Querfront ist das neue zauberwort. Mit ihm können die angeblich überholten Begriffe und Konzepte „links“ und „rechts“, die „politische Gesäßbackengeographie“, überwunden werden. Der Frieden sei weder links noch rechts, behaupten seinen Verfechter. Doch Querfront ist kein politisches Akradadabra, sondern ein Zauberbesen. Es handelt sich um eine Strategie von rechts gegen links, um die eigene Basis und die Handlungsspielräume zu erweitern.

mit: Volkmar Wölk, Publizist aus Grimma und Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft Antifaschistische Politik der sächsischen LINKEN.

03.02.16 Mittwoch 19:00 Uhr – linXXnet / Bornaische Str. 3d
Rot-braune Bündnisse? Zum Verhältnis von Kommunisten und Nationalsozialisten in der Weimarer Republik

„Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie“, forderte die KPD-Vorsitzende Ruth Fischer im Jahr 1923 vor völkisch gesinnten Studierenden. Auch andere prominente Kommunisten biederten sich in der Frühphase der Weimarer Republik der politischen Rechten an. Karl Radek huldigte beispielsweise den ermordeten Nationalrevolutionär Leo Schlageter. Später, im Jahr 1931, unterstützte die KPD einen von Deutschnationalen und Hitlers NSDAP initiierten Volksentscheid zur Absetzung der sozialdemokratischen preußischen Landesregierung. Auch 1932, beim Streik der Berliner Verkehrsbetriebe, kämpften Kommunisten Seite an Seite mit Nazis.
War die Führung der damaligen Kommunistischen Partei also Vordenkerin dessen, was wir heute als „Querfront“ kennen: von Bündnissen zwischen radikaler Linker und extremer Rechter? In Referat und Diskussion soll diese Frage beleuchtet und die Haltung der KPD zum Faschismus historisch eingeordnet werden.

mit: Dr. Marcel Bois (Hamburg), Historiker aus Hamburg, und Mitglied im Gesprächskreis Geschichte der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er arbeitet seit vielen Jahren zur Geschichte der KPD und ist Autor von „Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Die linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik“ (Klartext 2014).

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Die Reihe wird veranstaltet von der AG Antifa Leipzig. Für die Durchführung der Reihe bedanken wir uns für die Unterstützung durch die Linksjugend Leipzig, DIE LINKE. Stadtverband Leipzig, Jule Nagel, den VVN-BdA Leipzig, den StuRa der Uni Leipzig und den Spendenverein der Bundestagsfraktion von DIE LINKE. Wir als Veranstalter behalten uns vor, Personen, die rechten Organisationen zugehörig sind oder waren oder durch rassistische, antisemitische, homophobe oder andere menschenverachtende Statements in Erscheinung treten oder in Erscheinung getreten sind von den Veranstaltungen auszuschließen.